Schlagwort: Journalismus

Wie in China ein Sack Reis umfällt und die Weltpresse sich überschlägt

In China ist neulich ein Sack Reis umgefallen. Die Erschütterung war bis zu mir zu spüren, ganz deutlich. Was keinesfalls daran liegt, dass ich für ein halbes Jahr nur einen Katzensprung weit weg von China wohne. (Oder mittendrin, je nachdem, wen man fragt.)

Auch hier in Taiwan bewohne ich ja weiter meine Blase, in der meine Gedanken vorher schon zuhause waren, erst recht als Chinesischnichtsprecher. Zum Frühstücksmatsch aus Haferflocken und Kakao surfe ich aus purer Gewohnheit dieselben Websites ab wie eh und je, auch Facebook geht hier, das ginge in Festland-China nicht. Die Hauptsache beim Frühstücken ist aber doch das Frühstück, der Rest läuft als schlechte Angewohnheit des Langeweilesurfers nebenbei und von allein, der Laptop als geduldiger Tischgenosse zum Wachwerden, ein Klick hier, ein Blick da, von Interesse oder Lesen noch keine Spur. Erstmal wach werden.

Es muss ein wichtiger, ein besonders schöner, ein großer Sack Reis gewesen sein. BBC, Time, CNN und alle, alle anderen haben berichtet. Auch die deutschen Medien von zuckerbunt bis schwarzweiß waren dabei. Was war da los? Moment mal, China – dann ging es sicher um Menschenrechte? Um Welternährung? Eine Wirtschaftsnachricht? Die Reisernte? Es scheint uns anzugehen, so eine Nachricht auf allen Kanälen trötet von Wichtigkeit…

Mitnichten. Ein Vierjähriger hat den Sack Reis aus Versehen umgeworfen, die ganze Chose verteilte sich großzügig über den Fußboden, der Vater des Jungen stand daneben und konnte es weder verhindern noch fassen. Und der Reisbauer? Nahm’s seinerseits mit Fassung, der Junge habe es nicht absichtlich getan, Schadenersatz oder Strafe würden nicht verlangt. Dabei ist der Schaden beträchtlich. 15.000 Euro, 10.000 Pfund, 15.000 Dollar, 13.000 Euro Schaden, je nachdem, in welcher Sprache man davon liest.

Was ist das? Nach welchen journalistischen Kriterien berichtet hier die versammelte Welt- und Web-Presse? Wird eine Sondersendung anberaumt, ein ZDF Spezial? Warum hat mich das so sehr zu interessieren, dass es durch alle Ritzen zu mir durchsickert, in meine Taiwanblase, in aller Herren Sprachen: Kuriosität? Geschenkt. Exotik? Sicher auch. Aber ganz gewiss haben an jenem Tag noch an 748 anderen Orten der Welt Vierjährige etwas von Wert umgeworfen, was wiederum keine Zeile wert war. Warum hier?

Es muss zufällig einer dagewesen sein, der berichten konnte, der die Handyknipse gezückt hat und ausreichend Zwitscherzuhörer besaß, der hat den ersten Dominostein hingestellt. Der Rest kann nur Schadenfreude sein. Die routiniert gelangweilten Herren und Damen Journalisten hatten mit dieser Meldung wenigstens einmal am Tag ihr bisschen Freude, sei es auch am Schaden anderer. Und schon lief die Nachricht per Dominoeffekt um die Welt.

Der Sack Reis war übrigens eine Legostatue.