Schlagwort: Essay

Wie zwei Arten Arschlöcher uns (wieder) in die Scheiße reiten, und alle mitmachen

Klar doch, harkt eben künftig jeder wieder für sich!

Bis vor fünf Minuten haben sich ja die Vorgärtenfürsten noch als liebstes Hobby gegenseitig die Schädel eingeschlagen. Korrigiere mich, stimmt nicht: sie haben ihre Gartenzwerge aufeinander gehetzt. Jetzt haben wir gerade mal fünf Minuten Ruhe, die von unseren inzwischen verstorbenen seligen Großeltern pathetisch Frieden genannt wurde, immerhin schon so lange wie noch nie. Was Krieg ist, weiß von uns ja keiner, und welch Glück! Alle haben zu fressen und eine Riester-Rente und ein bis zwei Autos, und wir haben uns sogar zu einem Kleingartenverein namens EU zusammengetan. Das hätte keiner für möglich gehalten! Wer miteinander Handel treibt, schießt nicht aufeinander: das war mal die Gründungshoffnung.

Ob der Kleingartenvereinsvorstand in Brüssel nun wirklich die Bananenkrümmung oder die Gurkenlänge hätte festlegen sollen: geschenkt. Ihren Ruf hatten sie ab da freilich weg, und sie machen ihm bis heute alle Ehre.

Zwei Arten von Arschlöchern sind kräftig dabei, uns zu ruinieren.

Darf ich vorstellen: auf der einen Seite die, die schon im Anzug mit erfolgsgeschwellter Brust und Egowelle im Haar frühstücken und dann im Jaguar fahren, die Herrschaften, die den Hals zwar voll haben, aber nie voll kriegen. Neoliberale. Wirtschaftswunder-Erben. Haben in England angefangen und dort beste Erfahrungen mit Privatisierung von allem außer Atemluft gesammelt. Inzwischen sind sie gleichmäßig verteilt und beherrschen schlicht alles. Sie sind an der Macht und am Geld, und die nutzen beides hauptsächlich, um noch reicher und mächtiger zu werden. Sowas nennt sich alternativlose Politik. Umwelt? Menschenrechte? Armut anderswo? Scheiß auf Umwelt, scheiß auf Drittweltsklaven in der Herstellung, scheiß auf Verteilungs- und Wirtschaftskriege. Hauptsache, Panzer und Billig-T-Shirts rollen raus und der Rubel rollt rein.

Uns singen sie dazu den vielstimmigen, immerwährenden Kanon der Alternativlosigkeit. Es gibt also keine Alternative dazu, uns selber den Ast abzusägen?

Auf der anderen Seite, willkommen zurück: immer noch die, die uns – von Deutschland aus – schon mehrfach erfolgreich in die tiefste Scheiße geritten und dort steckengelassen haben. Die geistigen Enkel und Urenkel der Nazis. Rechte Arschlöcher, die leider längst kein Privileg deutscher Kultur mehr sind. Sie sind hässlich, aber lange hatten wir nichts mehr von ihnen gesehen. Sind sie endlich weg? dachten wir schon. Aber die wird man doch nie los. Jetzt tun wir erschrocken: Huch, wo kommen die denn alle her – jetzt, da sie wieder hervorgekrochen kommen, ihre Stunde für gekommen halten. Sie riechen die Unzufriedenheit der kleinen Bürger auf die da oben. Damit können sie arbeiten!

(In Klammern: Man kann den kleinen Bürgern gar nicht anders als recht geben, es gibt durchaus echte Gründe für Unzufriedenheit, siehe oben.)

Nun machen die Rechten das, was sie am besten können: brüllen, Angst schüren, Wut entfachen.

Und wer rennt ihnen nach? Vor allem jene, die sich von allen, allen am allerwenigsten zu fürchten hätten: alte Männer. Ehemalige Lehrer, Ingenieure, Bundesbanker, sogar ehemalige Philosophen und Sloterdijks. Die zufrieden und bierbäuchig im Kleingartenverein die Rente versaufen könnten. Die außerhalb vom Fidschiladen, wo Mutti sich gestern ein neues Kleid gekauft hat, weil’s so schön billig ist, noch nie einem Ausländer begegnet sind. Ausgerechnet diese alten Männer rennen den rechten Rattenfängern jeden Montagabend auf die Straße nach, brüllen Jawoll zur Hetze, stellen viel Unfug an und wählen ganz nebenbei das erste Land aus der EU. Wütende alte Männer.

Die sind nicht schuld, die sind nur dumm. Und die Rechten schlau genug, sich ihrer zu bedienen. Das konnten die Rechten, wie gesagt, schon immer am besten.

Und die Alternativen? Was ist mit den einzigen, die glaubwürdig nicht mitmachen bei aller Alternativlosigkeit und Hetze, was ist mit den Linken? Die genügen sich im Meckern. Die diskutieren das untereinander aus, womit sie nie fertig werden. Das ist ja gute linke Tradition, dass man sich im Oppositionsgetöse genügt. Widersprechen können sie, auch wenn sie’s gut können und sogar mit besten Argumenten, aber sie haben keine Lösungen anzubieten außer Propaganda, es führt zu – nichts. Sie haben weder Geld noch Macht und werden an beides auch nie kommen. Denn die Mitte wählt im Zweifel lieber das vermeintlich kleinere Übel, Rechts.

Mir ist so schlecht, ich könnte brexn.