Kategorie: Texte

Auszeit mit Google

Im Zehnfingerschreiben könnte ich locker mit einer Sekretärin mithalten. Wenn ich was nachschauen will, drücke ich Command-T für einen neuen Tab, dann google.de Enter. Zack, ist die Seite da. Nur der Cursor nicht. Das Suchfeld leer, unerreichbares Potential, würde ich weitertippen, meine Buchstaben landeten im Nirgendwo. Die Finger zucken. Jetzt kann ich sie, denen das Suchwort schon auf der Zunge liegt, zurücknehmen, kann mühevoll per Mauszeiger den Cursor ins Suchfeld zwingen. Oder ich warte die zwei, drei, vier Sekunden, bis der Cursor auftaucht. Ausgerechnet Google zwingt mich zur Denkpause. Kommt vor, dass ich den Tab einfach wieder zumache, Command-W. War nicht so wichtig.

Wie zwei Arten Arschlöcher uns (wieder) in die Scheiße reiten, und alle mitmachen

Klar doch, harkt eben künftig jeder wieder für sich!

Bis vor fünf Minuten haben sich ja die Vorgärtenfürsten noch als liebstes Hobby gegenseitig die Schädel eingeschlagen. Korrigiere mich, stimmt nicht: sie haben ihre Gartenzwerge aufeinander gehetzt. Jetzt haben wir gerade mal fünf Minuten Ruhe, die von unseren inzwischen verstorbenen seligen Großeltern pathetisch Frieden genannt wurde, immerhin schon so lange wie noch nie. Was Krieg ist, weiß von uns ja keiner, und welch Glück! Alle haben zu fressen und eine Riester-Rente und ein bis zwei Autos, und wir haben uns sogar zu einem Kleingartenverein namens EU zusammengetan. Das hätte keiner für möglich gehalten! Wer miteinander Handel treibt, schießt nicht aufeinander: das war mal die Gründungshoffnung.

Ob der Kleingartenvereinsvorstand in Brüssel nun wirklich die Bananenkrümmung oder die Gurkenlänge hätte festlegen sollen: geschenkt. Ihren Ruf hatten sie ab da freilich weg, und sie machen ihm bis heute alle Ehre.

Zwei Arten von Arschlöchern sind kräftig dabei, uns zu ruinieren.

Darf ich vorstellen: auf der einen Seite die, die schon im Anzug mit erfolgsgeschwellter Brust und Egowelle im Haar frühstücken und dann im Jaguar fahren, die Herrschaften, die den Hals zwar voll haben, aber nie voll kriegen. Neoliberale. Wirtschaftswunder-Erben. Haben in England angefangen und dort beste Erfahrungen mit Privatisierung von allem außer Atemluft gesammelt. Inzwischen sind sie gleichmäßig verteilt und beherrschen schlicht alles. Sie sind an der Macht und am Geld, und die nutzen beides hauptsächlich, um noch reicher und mächtiger zu werden. Sowas nennt sich alternativlose Politik. Umwelt? Menschenrechte? Armut anderswo? Scheiß auf Umwelt, scheiß auf Drittweltsklaven in der Herstellung, scheiß auf Verteilungs- und Wirtschaftskriege. Hauptsache, Panzer und Billig-T-Shirts rollen raus und der Rubel rollt rein.

Uns singen sie dazu den vielstimmigen, immerwährenden Kanon der Alternativlosigkeit. Es gibt also keine Alternative dazu, uns selber den Ast abzusägen?

Auf der anderen Seite, willkommen zurück: immer noch die, die uns – von Deutschland aus – schon mehrfach erfolgreich in die tiefste Scheiße geritten und dort steckengelassen haben. Die geistigen Enkel und Urenkel der Nazis. Rechte Arschlöcher, die leider längst kein Privileg deutscher Kultur mehr sind. Sie sind hässlich, aber lange hatten wir nichts mehr von ihnen gesehen. Sind sie endlich weg? dachten wir schon. Aber die wird man doch nie los. Jetzt tun wir erschrocken: Huch, wo kommen die denn alle her – jetzt, da sie wieder hervorgekrochen kommen, ihre Stunde für gekommen halten. Sie riechen die Unzufriedenheit der kleinen Bürger auf die da oben. Damit können sie arbeiten!

(In Klammern: Man kann den kleinen Bürgern gar nicht anders als recht geben, es gibt durchaus echte Gründe für Unzufriedenheit, siehe oben.)

Nun machen die Rechten das, was sie am besten können: brüllen, Angst schüren, Wut entfachen.

Und wer rennt ihnen nach? Vor allem jene, die sich von allen, allen am allerwenigsten zu fürchten hätten: alte Männer. Ehemalige Lehrer, Ingenieure, Bundesbanker, sogar ehemalige Philosophen und Sloterdijks. Die zufrieden und bierbäuchig im Kleingartenverein die Rente versaufen könnten. Die außerhalb vom Fidschiladen, wo Mutti sich gestern ein neues Kleid gekauft hat, weil’s so schön billig ist, noch nie einem Ausländer begegnet sind. Ausgerechnet diese alten Männer rennen den rechten Rattenfängern jeden Montagabend auf die Straße nach, brüllen Jawoll zur Hetze, stellen viel Unfug an und wählen ganz nebenbei das erste Land aus der EU. Wütende alte Männer.

Die sind nicht schuld, die sind nur dumm. Und die Rechten schlau genug, sich ihrer zu bedienen. Das konnten die Rechten, wie gesagt, schon immer am besten.

Und die Alternativen? Was ist mit den einzigen, die glaubwürdig nicht mitmachen bei aller Alternativlosigkeit und Hetze, was ist mit den Linken? Die genügen sich im Meckern. Die diskutieren das untereinander aus, womit sie nie fertig werden. Das ist ja gute linke Tradition, dass man sich im Oppositionsgetöse genügt. Widersprechen können sie, auch wenn sie’s gut können und sogar mit besten Argumenten, aber sie haben keine Lösungen anzubieten außer Propaganda, es führt zu – nichts. Sie haben weder Geld noch Macht und werden an beides auch nie kommen. Denn die Mitte wählt im Zweifel lieber das vermeintlich kleinere Übel, Rechts.

Mir ist so schlecht, ich könnte brexn.

Was wir (bei allem Spaß) nicht vergessen sollten

Das ungewollte, so hartnäckig unbeendbare Alleinbleiben ist ein Problem. Punkt.

Muss man ja mal sagen. Da ist es völlig Wumpe, ob einer (oder eine) diese seltsamen Organe zwischen den Beinen noch nie gemeinsam mit einem anderen Menschen benutzt hat, oder hundertmal: Wer denkt, da ist ein Problem; wer, warum auch immer, niemanden finden kann und sich darum sorgt, für lange oder für immer alleinzubleiben: der hat wohl dieses Problem.

Man kann viel über Lebenssorgen lesen, über Depression und Burnout, und dass die gar nicht so lustig sind, und keine Hirngespinste. Nun: Die Sorge, alleinzubleiben, ist für mich ebenso schwerwiegend wie andere Lebenssorgen. Man sucht sich ja seine Sorgen nicht aus. Als Sorgender hilft es auch keinen Millimeter weiter, zu hören: das sei doch kein richtiges Problem, man solle sich mal nicht so anstellen, man sei doch noch jung, man solle erstmal Spaß im Leben haben, sich nicht auf eine Beziehung versteifen, glücklich könne man nicht nur mit einem Partner werden… und das ließe sich (leider) unendlich fortsetzen.

Manchmal, das gebe ich zu, habe ich vielleicht eine zu flapsige Art, wenn ich über dieses Thema spreche. Dann kommt das so ein bisschen lustig rüber, als wäre das eigentlich gar keine große Sache. Und ja: Es war mir wichtig, dass Film und Buch nicht deprimierend sind, sondern wenigstens ein bisschen unterhaltsam und – hoffentlich – auch humorvoll…

Und dann kam es eben vor: Wenn der Love-Alien-Film mal gezeigt wurde und hinterher eine Gesprächsrunde war, wo die Leute ihre Fragen stellen konnten: dann wurde mir mitunter gesagt, ich wirke ganz anders als im Film, ich sei ja viel lustiger, gar nicht so deprimiert. Wie das denn zusammenpasse, der Wolfram im Film und der „echte“?

Naja. Ich bin schon beides. Gerne lustig, aber auch manchmal das Gegenteil. Kommt eben drauf an, wie’s grad so geht. Meine Freunde können Lieder davon singen, dass ich gut im Jammern bin. Ich hatte nun inzwischen das unfassbare, tierische Glück, dass ich doch nicht dort stehengeblieben bin, wie ich befürchtet hatte, dass mir ein paar Menschen begegnet sind, ein paar Dinge passiert, die mich heute sagen lassen: Ich fühle mich nicht mehr als Love Alien!

Aber ich habe nicht vergessen, wie beschissen das ist, Abend für Abend allein ins Bett zu gehen, über Jahre, immer mit demselben Gedanken: Wie lange noch… für immer?

Wir sollten das ernstnehmen. Vor allem die Menschen sollten wir ernstnehmen.

Wie in China ein Sack Reis umfällt und die Weltpresse sich überschlägt

In China ist neulich ein Sack Reis umgefallen. Die Erschütterung war bis zu mir zu spüren, ganz deutlich. Was keinesfalls daran liegt, dass ich für ein halbes Jahr nur einen Katzensprung weit weg von China wohne. (Oder mittendrin, je nachdem, wen man fragt.)

Auch hier in Taiwan bewohne ich ja weiter meine Blase, in der meine Gedanken vorher schon zuhause waren, erst recht als Chinesischnichtsprecher. Zum Frühstücksmatsch aus Haferflocken und Kakao surfe ich aus purer Gewohnheit dieselben Websites ab wie eh und je, auch Facebook geht hier, das ginge in Festland-China nicht. Die Hauptsache beim Frühstücken ist aber doch das Frühstück, der Rest läuft als schlechte Angewohnheit des Langeweilesurfers nebenbei und von allein, der Laptop als geduldiger Tischgenosse zum Wachwerden, ein Klick hier, ein Blick da, von Interesse oder Lesen noch keine Spur. Erstmal wach werden.

Es muss ein wichtiger, ein besonders schöner, ein großer Sack Reis gewesen sein. BBC, Time, CNN und alle, alle anderen haben berichtet. Auch die deutschen Medien von zuckerbunt bis schwarzweiß waren dabei. Was war da los? Moment mal, China – dann ging es sicher um Menschenrechte? Um Welternährung? Eine Wirtschaftsnachricht? Die Reisernte? Es scheint uns anzugehen, so eine Nachricht auf allen Kanälen trötet von Wichtigkeit…

Mitnichten. Ein Vierjähriger hat den Sack Reis aus Versehen umgeworfen, die ganze Chose verteilte sich großzügig über den Fußboden, der Vater des Jungen stand daneben und konnte es weder verhindern noch fassen. Und der Reisbauer? Nahm’s seinerseits mit Fassung, der Junge habe es nicht absichtlich getan, Schadenersatz oder Strafe würden nicht verlangt. Dabei ist der Schaden beträchtlich. 15.000 Euro, 10.000 Pfund, 15.000 Dollar, 13.000 Euro Schaden, je nachdem, in welcher Sprache man davon liest.

Was ist das? Nach welchen journalistischen Kriterien berichtet hier die versammelte Welt- und Web-Presse? Wird eine Sondersendung anberaumt, ein ZDF Spezial? Warum hat mich das so sehr zu interessieren, dass es durch alle Ritzen zu mir durchsickert, in meine Taiwanblase, in aller Herren Sprachen: Kuriosität? Geschenkt. Exotik? Sicher auch. Aber ganz gewiss haben an jenem Tag noch an 748 anderen Orten der Welt Vierjährige etwas von Wert umgeworfen, was wiederum keine Zeile wert war. Warum hier?

Es muss zufällig einer dagewesen sein, der berichten konnte, der die Handyknipse gezückt hat und ausreichend Zwitscherzuhörer besaß, der hat den ersten Dominostein hingestellt. Der Rest kann nur Schadenfreude sein. Die routiniert gelangweilten Herren und Damen Journalisten hatten mit dieser Meldung wenigstens einmal am Tag ihr bisschen Freude, sei es auch am Schaden anderer. Und schon lief die Nachricht per Dominoeffekt um die Welt.

Der Sack Reis war übrigens eine Legostatue.

Sorgfältiges Einstudieren neuer Angewohnheiten, Teil 1

Den Wohnungsschlüssel zum Schlafen neben das Kopfkissen. Damit ich auch wieder reinkomme, falls ich mal vom Erdbeben aus dem Schlaf gerüttelt werde und es bis mindestens ins Treppenhaus, besser noch bis hinunter und hinaus schaffe. Und das Haus anschließend noch steht. Eine Reihung von falls und wenn.

Begegnungen über Dachniveau oder: Die Haushaltshilfe meiner Vermieterin

Taipei. Zwei Fußgängerampeln und 60 Sekunden Fußgängergrünphase entfernt vom größten Park der Stadt. Flachbau mit sechs Etagen gleich nebenan vom Hundesalon und gegenüber eines buddhistischen Hinterhoftempels. Im siebten Stock wohnen wir. Moment, siebter Stock bei sechs Etagen? Richtig: Unsere Etage gibt es gar nicht, drin wohnen können wir trotzdem. Unsere Wohnung gehört einer alten Dame, die die sechste und damit offiziell oberste Etage des Hauses bewohnt. Wo übrigens auch der Aufzug endet, das Treppenhaus zum Glück nicht. Acht von zehn Häusern in Taipei sollen solche aufgestockten, inoffiziellen, womöglich gar illegalen Etagen haben, für die sich unten an der Haustür weder Klingelschild noch Briefkasten finden.

Manchmal treffe ich unsere Vermieterin. Meistens, wenn sie uns aufs Dach steigt, wo sie einen ausgewachsenen Gemüsegarten betreibt. Den begutachtet sie mehrmals täglich, aber die Arbeit dort macht dennoch jemand anders: ihre Haushälterin, eine junge Frau aus Indonesien, die auch bei ihrer Arbeitgeberin lebt und ihr Tag und Nacht zur Verfügung steht. Noch kenne ich nichtmal ihren Namen, aber sie lacht immer und spricht ein putziges Englisch, immerhin, Verständigung ist möglich, auch ohne Chinesisch. Sie macht sogar gelegentlich unseren Abwasch, was mir eigentlich nicht recht ist… „Much work“, antwortet sie, wenn ich sie frage, wie es ihr geht. Und bläst die Backen auf. Und lacht.

Junge Frauen aus Indonesien und ähnlich armen Inselstaaten in der Nähe Taiwans werden hier von denen, die es sich leisten können, gern für den Haushalt angestellt, oder für die Altenpflege. Meistens mies bezahlt, dafür manchmal auch mies behandelt. Man könnte wohl sagen, sie werden gehalten: So kann Sklavenarbeit aussehen.

Dass ich kein Chinesisch spreche, scheint sie zu beschäftigen. Wie ist dem blonden deutschen Kerl zu helfen? Sie klopft an meine Tür und reicht mir ein paar Kopien in die Bude: mit denen hätte sie auch angefangen zu lernen, vielleicht helfen sie mir ja. Chinesisch – Indonesisch. Ein Herz, die lachende Haushaltshilfe meiner Vermieterin.

Wo nichtmal Gelegenheit Diebe macht

Wer in Taipei etwas verliert, ist gut beraten, an den mutmaßlichen Ort des Verlustes zurückzukehren: Die Chancen, das Verlorengeglaubte dort wiederzufinden, stehen ausgesprochen gut. Selbst dann, wenn es sich um etwas von Wert handeln sollte. Es heißt, in Taiwan werde so gut wie nicht gestohlen. Wer kurz vor die Tür tritt, um dort eine zu rauchen, kann Handy oder Geldbörse getrost im Café liegenlassen.