Monat: Mai 2016

Sorgfältiges Einstudieren neuer Angewohnheiten, Teil 1

Den Wohnungsschlüssel zum Schlafen neben das Kopfkissen. Damit ich auch wieder reinkomme, falls ich mal vom Erdbeben aus dem Schlaf gerüttelt werde und es bis mindestens ins Treppenhaus, besser noch bis hinunter und hinaus schaffe. Und das Haus anschließend noch steht. Eine Reihung von falls und wenn.

Aller Anfang

staerkenrot
Hallo, ich bin Wolfram Huke, das ist mein Blog. Bitte Schuhe aus, keine Kaugummis irgendwo hinkleben. Hier geht’s um meine sogenannte Arbeit als Filmemacher, um ein Buch und einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Love Alien“ und um Taipei, wo ich gerade wohne. Aber nicht nur.

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Ausgelesen? Dann zurück auf etwas ist immer.
Sometimes in English.

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Love Alien: Buch zum Film? Film zum Buch? Oder wie?

Es gibt ein Buch. Und es gibt einen Film. Heißen beide „Love Alien“ und sehen auch noch ähnlich aus. Ist es das Buch zum Film, der Film zum Buch, oder wie?

Weder, noch.

Der Film war zuerst da und ist eine Innenansicht, eine Momentaufnahme aus dem Alltag allein: mein 30. Lebensjahr, aufgenommen vom 29. bis zum 30. Geburtstag, mit einer kleinen Urlaubskamera aus der Subjektive. Er kam an der Filmhochschule als Übungsfilm zustande und sollte ursprünglich gar nicht von mir handeln, sondern von anderen Menschen mit denselben Sorgen. Als ich einem meiner Filmlehrer unter Angstschweiß und vier Augen gestand, es gehe mir übrigens selber so, das sei auch die Motivation zu diesem Thema, sagte der: Warum machst du den Film nicht über dich?

Ist dann so gekommen. Der Dreh hat ein Jahr gedauert, die Fertigstellung bis zur Premiere fast ein weiteres. Danach kam der Film ins Kino, ins Fernsehen und auf DVD. Da hatte ich Glück. Hatte ich mir sicher erhofft, dass der Film Aufmerksamkeit erregt, aber wissen oder planen konnte ich das natürlich nicht.

Er war noch nicht veröffentlicht, da trudelte eine Email ein.

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Buch schreiben? Ich hab doch grad einen Film gemacht, was sollte im Buch anderes stehen? Ein paar Emails gingen hin und her, dann schlief die Buchidee wieder ein…

Sie schlief drei Jahre, bis sie im Frühjahr 2015 aufwachte, ausgiebig gähnte, sich streckte und nach Aufmerksamkeit verlangte. In der Zwischenzeit war einiges passiert: Nicht nur, dass ich nach zehn Jahren in eine Stadt gezogen war, in der ich mich pudelstwohlst fühlte (falls sich pudelwohl steigern lässt), ich hatte unterdessen sogar erste Gehversuche in der Liebe gemacht: Ich fühlte mich nicht mehr als Love Alien!

Vielleicht wäre das mit so einem Buch jetzt doch was? Eine Freundin, die bei der Zeitung arbeitet, riet mir, unbedingt eine Agentur zu beauftragen. Sag mal, Google: Gibt es eine Buchagentur in Leipzig? Nö, sagte Google, dafür in Berlin. Ich schrieb kurzerhand an die größte: Ob das mit so einem Buch eine gute Idee sei? Ist es, schrieb die Agentur zurück. Wir zimmerten ein Exposé zurecht, und die Agentur spammte damit die Verlage voll. Kann jetzt allerdings ein paar Wochen dauern, sagte die Agentur, grade bei Erstautoren zieren sich die Verlage oft, bis sie zusagen…

Es dauerte zwei Stunden, bis der Agent wieder anrief, selber ein wenig atemlos: Verlag hat angebissen! Dann ging es ratzfatz, Vertrag, Unterschrift, hin, her, fertig.

Das Schreiben hatte ich unterschätzt. Das ist richtig Arbeit, weit mehr als ein bisschen Tastenklappern am Abend. Und es dauerte, bei mir jedenfalls viel länger als geplant. Am Anfang hat ein einzelnes Kapitelchen geschlagene zwei bis drei Wochen verschlungen, und hinterher hab ich mir erstmal stolzgeschwellt die Schulter geklopft und das Kapitel an sämtliche Freunde verschickt, ob sie nun wollten oder nicht. Und eine wohlverdiente Pause eingelegt, um Rotwein zu trinken. So ging der Sommer hin, im Nu war der erste Abgabetermin heran und wurde in vollem Schreibgalopp gerissen: nicht zu halten. Auch der zweite nicht, und auch nicht der dritte. Dabei wurde ich im Schreiben immer schneller, zum Schluss mussten pro Kapitel zwei, drei Tage reichen. Den ganzen Mist vom Anfang, diese Zweibisdreiwochenkapitel, hatte ich längst weggeschmissen, und ich verschickte auch nichts mehr, an niemanden, vorsichtshalber. Außer die Lektorin.

Der Film ist die Momentaufnahme und steckt noch mittendrin im Einsamkeitsschlamassel, es geht mehr um Stimmung als um Erklärung. Erklären kann man das sowieso schwer. Das Buch erzählt ganz anders, und es erzählt natürlich mehr. Zum Schreiben braucht es weder Bilder noch Töne. Es gab tatsächlich noch einiges zu sagen, das im Film nicht gesagt werden konnte, eben weil die Bilder dazu fehlten. Klar finden sich auch die gleichen Geschichten hier wie dort, ich bin ja derselbe. Aber das Buch geht doch deutlich über den Film hinaus, es geht bis ganz zurück an den Anfang, und – vielleicht am wichtigsten: es gibt am Ende eine Lösung. So eine Art jedenfalls.

Kein Zurück mehr: die Verlagsvorschau

Wie kommt das Buch in die Buchläden?

Landauf, landab tingeln dieser Frühlingstage die freundlichen Vertreter des Verlags durch die Buchläden, von Borkum bis Bielefeld. Bei Holundertee und Butterkeksen, so jedenfalls stelle ich mir das vor, stehen sie mit den Buchhändlern am Verkaufstresen beisammen, übrigens allesamt kluge und einfühlsame Menschen, belesen sowieso, das gehört schließlich zum Beruf, die ihre Kundschaft, die Bücherwürmer und Schmökerschmecker, genau kennen und sowieso einen der besten Berufe der Welt haben, und das war eine zutiefst ehrliche und garantiert ironiefreie Aussage über Buchhändler. Die Vertreter also ziehen, ein bisschen stolz und mit sanften Fingern, die nagelneue Verlagsvorschau aus dem Koffer aus Krokodilstränenleder, blättern sanft von vorn bis hinten durch das bunte Heft und erzählen schwärmerisch von den Büchern, die von Herbst bis Winter erscheinen sollen.

Und meins ist mit dabei. Kaum zu fassen! Eben hab ich doch noch Tag für Tag vor meinem Tablett in eine Bluetooth-Tastatur getippt, der die Tasten ausfielen wie einem Dreijährigen die Zähne, in der Leipziger Unibibliothek. Das soll ein Buch werden? Nie im Leben! hab ich denken müssen, während ich dran verzweifelte, halbwegs gerade Gedanken in nicht allzu krummen Sätzen unfallfrei zu Display zu bringen. Und schon soll es erscheinen…

Naja, schon. Ein bisschen dauert es dann ja doch noch. 27. Oktober!

Die ganze Verlagsvorschau der Fischer-Sachbücher gibt es übrigens hier.

Unter Beobachtung: Filmt ein Filmemacher einen Filmemacher beim Filmemachen

Kaum zwei Wochen in Taipei, schon hab ich ersten Besuch: Vom österreichischen Dokumentarfilmer Marko Doringer in Begleitung seines Wiener Tonmannes Andreas.

Was machen die zwei hier?

Marko hatte großen Erfolg mit seinem autobiographischen Dokumentarfilm „Mein halbes Leben“, den ich nur empfehlen kann. Darauf folgte sein zweiter Film „Nägel mit Köpfen“, und als drittes folgte dann ein Burnout. Folgerichtig beschäftigt sich Marko in seinem nächsten großen Filmprojekt mit Arbeit: Was machen wir für unsere Brötchen, und was macht das mit uns. Anderthalb Jahre lang begleitet er vier Filmemacher, die sich durchs Arbeitsleben kämpfen.

Wie es aussieht, bin ich wohl einer davon. (Angeblich der einzige übrigens, der sich Zeit fürs Frühstücken nimmt, aber vielleicht sollte ich das noch gar nicht verraten.)

Dreimal hat Marko mich schon in Leipzig besucht und über meine Ansichten zum Arbeiten ausgequetscht. Und jetzt eben Taipei, wo mich zwar nicht die Arbeit, sondern zunächst das Herz hingeführt hat, wo ich aber keineswegs auf der faulen Haut (von der ich eine Menge habe) liegen will: kaum was finde ich inspirierender als neue Bilder, Töne, Gerüche, Geschmäcker und eine ganze bunte, laute, neue Welt, 9.000 Kilometer weit vom alten Alltag entfernt…

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Aufnahme vom Regen

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Foto vom Fotografieren des Sashimischiffs

Begegnungen über Dachniveau oder: Die Haushaltshilfe meiner Vermieterin

Taipei. Zwei Fußgängerampeln und 60 Sekunden Fußgängergrünphase entfernt vom größten Park der Stadt. Flachbau mit sechs Etagen gleich nebenan vom Hundesalon und gegenüber eines buddhistischen Hinterhoftempels. Im siebten Stock wohnen wir. Moment, siebter Stock bei sechs Etagen? Richtig: Unsere Etage gibt es gar nicht, drin wohnen können wir trotzdem. Unsere Wohnung gehört einer alten Dame, die die sechste und damit offiziell oberste Etage des Hauses bewohnt. Wo übrigens auch der Aufzug endet, das Treppenhaus zum Glück nicht. Acht von zehn Häusern in Taipei sollen solche aufgestockten, inoffiziellen, womöglich gar illegalen Etagen haben, für die sich unten an der Haustür weder Klingelschild noch Briefkasten finden.

Manchmal treffe ich unsere Vermieterin. Meistens, wenn sie uns aufs Dach steigt, wo sie einen ausgewachsenen Gemüsegarten betreibt. Den begutachtet sie mehrmals täglich, aber die Arbeit dort macht dennoch jemand anders: ihre Haushälterin, eine junge Frau aus Indonesien, die auch bei ihrer Arbeitgeberin lebt und ihr Tag und Nacht zur Verfügung steht. Noch kenne ich nichtmal ihren Namen, aber sie lacht immer und spricht ein putziges Englisch, immerhin, Verständigung ist möglich, auch ohne Chinesisch. Sie macht sogar gelegentlich unseren Abwasch, was mir eigentlich nicht recht ist… „Much work“, antwortet sie, wenn ich sie frage, wie es ihr geht. Und bläst die Backen auf. Und lacht.

Junge Frauen aus Indonesien und ähnlich armen Inselstaaten in der Nähe Taiwans werden hier von denen, die es sich leisten können, gern für den Haushalt angestellt, oder für die Altenpflege. Meistens mies bezahlt, dafür manchmal auch mies behandelt. Man könnte wohl sagen, sie werden gehalten: So kann Sklavenarbeit aussehen.

Dass ich kein Chinesisch spreche, scheint sie zu beschäftigen. Wie ist dem blonden deutschen Kerl zu helfen? Sie klopft an meine Tür und reicht mir ein paar Kopien in die Bude: mit denen hätte sie auch angefangen zu lernen, vielleicht helfen sie mir ja. Chinesisch – Indonesisch. Ein Herz, die lachende Haushaltshilfe meiner Vermieterin.

Wo nichtmal Gelegenheit Diebe macht

Wer in Taipei etwas verliert, ist gut beraten, an den mutmaßlichen Ort des Verlustes zurückzukehren: Die Chancen, das Verlorengeglaubte dort wiederzufinden, stehen ausgesprochen gut. Selbst dann, wenn es sich um etwas von Wert handeln sollte. Es heißt, in Taiwan werde so gut wie nicht gestohlen. Wer kurz vor die Tür tritt, um dort eine zu rauchen, kann Handy oder Geldbörse getrost im Café liegenlassen.

Der Waschzettel oder: Die Presseinfo vom Verlag