Aller Anfang

staerkenrot
Hallo, ich bin Wolfram Huke, das ist mein Blog. Bitte Schuhe aus, keine Kaugummis irgendwo hinkleben. Hier geht’s um meine sogenannte Arbeit als Filmemacher, um ein Buch und einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Love Alien“ und um Taipei, wo ich gerade wohne. Aber nicht nur.

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Ausgelesen? Dann zurück auf etwas ist immer.
Sometimes in English.

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Auszeit mit Google

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Im Zehnfingerschreiben könnte ich locker mit einer Sekretärin mithalten. Wenn ich was nachschauen will, drücke ich Command-T für einen neuen Tab, dann google.de Enter. Zack, ist die Seite da. Nur der Cursor nicht. Das Suchfeld leer, unerreichbares Potential, würde ich weitertippen, meine Buchstaben landeten im Nirgendwo. Die Finger zucken. Jetzt kann ich sie, denen das Suchwort schon auf der Zunge liegt, zurücknehmen, kann mühevoll per Mauszeiger den Cursor ins Suchfeld zwingen. Oder ich warte die zwei, drei, vier Sekunden, bis der Cursor auftaucht. Ausgerechnet Google zwingt mich zur Denkpause. Kommt vor, dass ich den Tab einfach wieder zumache, Command-W. War nicht so wichtig.

Wie zwei Arten Arschlöcher uns (wieder) in die Scheiße reiten, und alle mitmachen

Klar doch, harkt eben künftig jeder wieder für sich!

Bis vor fünf Minuten haben sich ja die Vorgärtenfürsten noch als liebstes Hobby gegenseitig die Schädel eingeschlagen. Korrigiere mich, stimmt nicht: sie haben ihre Gartenzwerge aufeinander gehetzt. Jetzt haben wir gerade mal fünf Minuten Ruhe, die von unseren inzwischen verstorbenen seligen Großeltern pathetisch Frieden genannt wurde, immerhin schon so lange wie noch nie. Was Krieg ist, weiß von uns ja keiner, und welch Glück! Alle haben zu fressen und eine Riester-Rente und ein bis zwei Autos, und wir haben uns sogar zu einem Kleingartenverein namens EU zusammengetan. Das hätte keiner für möglich gehalten! Wer miteinander Handel treibt, schießt nicht aufeinander: das war mal die Gründungshoffnung.

Ob der Kleingartenvereinsvorstand in Brüssel nun wirklich die Bananenkrümmung oder die Gurkenlänge hätte festlegen sollen: geschenkt. Ihren Ruf hatten sie ab da freilich weg, und sie machen ihm bis heute alle Ehre.

Zwei Arten von Arschlöchern sind kräftig dabei, uns zu ruinieren.

Darf ich vorstellen: auf der einen Seite die, die schon im Anzug mit erfolgsgeschwellter Brust und Egowelle im Haar frühstücken und dann im Jaguar fahren, die Herrschaften, die den Hals zwar voll haben, aber nie voll kriegen. Neoliberale. Wirtschaftswunder-Erben. Haben in England angefangen und dort beste Erfahrungen mit Privatisierung von allem außer Atemluft gesammelt. Inzwischen sind sie gleichmäßig verteilt und beherrschen schlicht alles. Sie sind an der Macht und am Geld, und die nutzen beides hauptsächlich, um noch reicher und mächtiger zu werden. Sowas nennt sich alternativlose Politik. Umwelt? Menschenrechte? Armut anderswo? Scheiß auf Umwelt, scheiß auf Drittweltsklaven in der Herstellung, scheiß auf Verteilungs- und Wirtschaftskriege. Hauptsache, Panzer und Billig-T-Shirts rollen raus und der Rubel rollt rein.

Uns singen sie dazu den vielstimmigen, immerwährenden Kanon der Alternativlosigkeit. Es gibt also keine Alternative dazu, uns selber den Ast abzusägen?

Auf der anderen Seite, willkommen zurück: immer noch die, die uns – von Deutschland aus – schon mehrfach erfolgreich in die tiefste Scheiße geritten und dort steckengelassen haben. Die geistigen Enkel und Urenkel der Nazis. Rechte Arschlöcher, die leider längst kein Privileg deutscher Kultur mehr sind. Sie sind hässlich, aber lange hatten wir nichts mehr von ihnen gesehen. Sind sie endlich weg? dachten wir schon. Aber die wird man doch nie los. Jetzt tun wir erschrocken: Huch, wo kommen die denn alle her – jetzt, da sie wieder hervorgekrochen kommen, ihre Stunde für gekommen halten. Sie riechen die Unzufriedenheit der kleinen Bürger auf die da oben. Damit können sie arbeiten!

(In Klammern: Man kann den kleinen Bürgern gar nicht anders als recht geben, es gibt durchaus echte Gründe für Unzufriedenheit, siehe oben.)

Nun machen die Rechten das, was sie am besten können: brüllen, Angst schüren, Wut entfachen.

Und wer rennt ihnen nach? Vor allem jene, die sich von allen, allen am allerwenigsten zu fürchten hätten: alte Männer. Ehemalige Lehrer, Ingenieure, Bundesbanker, sogar ehemalige Philosophen und Sloterdijks. Die zufrieden und bierbäuchig im Kleingartenverein die Rente versaufen könnten. Die außerhalb vom Fidschiladen, wo Mutti sich gestern ein neues Kleid gekauft hat, weil’s so schön billig ist, noch nie einem Ausländer begegnet sind. Ausgerechnet diese alten Männer rennen den rechten Rattenfängern jeden Montagabend auf die Straße nach, brüllen Jawoll zur Hetze, stellen viel Unfug an und wählen ganz nebenbei das erste Land aus der EU. Wütende alte Männer.

Die sind nicht schuld, die sind nur dumm. Und die Rechten schlau genug, sich ihrer zu bedienen. Das konnten die Rechten, wie gesagt, schon immer am besten.

Und die Alternativen? Was ist mit den einzigen, die glaubwürdig nicht mitmachen bei aller Alternativlosigkeit und Hetze, was ist mit den Linken? Die genügen sich im Meckern. Die diskutieren das untereinander aus, womit sie nie fertig werden. Das ist ja gute linke Tradition, dass man sich im Oppositionsgetöse genügt. Widersprechen können sie, auch wenn sie’s gut können und sogar mit besten Argumenten, aber sie haben keine Lösungen anzubieten außer Propaganda, es führt zu – nichts. Sie haben weder Geld noch Macht und werden an beides auch nie kommen. Denn die Mitte wählt im Zweifel lieber das vermeintlich kleinere Übel, Rechts.

Mir ist so schlecht, ich könnte brexn.

Love Alien: der ganze! Film nacherzählt

topf

Am Anfang bist du einsam und traurig und sehnst dich nach einer Freundin. Nur will dich keine. Irgendwann fängst du an, an dir zu arbeiten. Sport, Therapie, Klamotten, drüber reden. Aber dich will immer noch keine. Was ist los? Sagen das nicht alle, dass du was dafür tun musst? Warum klappt es nicht? Zum Schluss kapierst du: wenn überhaupt, musst du bei dir anfangen. Aktiv werden, an dir arbeiten – das bringt vielleicht nicht gleich ne Freundin. Aber du kannst zufriedener werden, fühlst dich in dir wohler. Damit hört der Film auf, dass mit deiner Einsicht dieser lange, steile Weg losgeht.

Besser kann man’s wahrscheinlich nicht zusammenfassen. Danke, Eva!

Bis 17. Juni: LOVE ALIEN in der ARD-Mediathek for free

Was wir (bei allem Spaß) nicht vergessen sollten

haelften

Das ungewollte, so hartnäckig unbeendbare Alleinbleiben ist ein Problem. Punkt.

Muss man ja mal sagen. Da ist es völlig Wumpe, ob einer (oder eine) diese seltsamen Organe zwischen den Beinen noch nie gemeinsam mit einem anderen Menschen benutzt hat, oder hundertmal: Wer denkt, da ist ein Problem; wer, warum auch immer, niemanden finden kann und sich darum sorgt, für lange oder für immer alleinzubleiben: der hat wohl dieses Problem.

Man kann viel über Lebenssorgen lesen, über Depression und Burnout, und dass die gar nicht so lustig sind, und keine Hirngespinste. Nun: Die Sorge, alleinzubleiben, ist für mich ebenso schwerwiegend wie andere Lebenssorgen. Man sucht sich ja seine Sorgen nicht aus. Als Sorgender hilft es auch keinen Millimeter weiter, zu hören: das sei doch kein richtiges Problem, man solle sich mal nicht so anstellen, man sei doch noch jung, man solle erstmal Spaß im Leben haben, sich nicht auf eine Beziehung versteifen, glücklich könne man nicht nur mit einem Partner werden… und das ließe sich (leider) unendlich fortsetzen.

Manchmal, das gebe ich zu, habe ich vielleicht eine zu flapsige Art, wenn ich über dieses Thema spreche. Dann kommt das so ein bisschen lustig rüber, als wäre das eigentlich gar keine große Sache. Und ja: Es war mir wichtig, dass Film und Buch nicht deprimierend sind, sondern wenigstens ein bisschen unterhaltsam und – hoffentlich – auch humorvoll…

Und dann kam es eben vor: Wenn der Love-Alien-Film mal gezeigt wurde und hinterher eine Gesprächsrunde war, wo die Leute ihre Fragen stellen konnten: dann wurde mir mitunter gesagt, ich wirke ganz anders als im Film, ich sei ja viel lustiger, gar nicht so deprimiert. Wie das denn zusammenpasse, der Wolfram im Film und der „echte“?

Naja. Ich bin schon beides. Gerne lustig, aber auch manchmal das Gegenteil. Kommt eben drauf an, wie’s grad so geht. Meine Freunde können Lieder davon singen, dass ich gut im Jammern bin. Ich hatte nun inzwischen das unfassbare, tierische Glück, dass ich doch nicht dort stehengeblieben bin, wie ich befürchtet hatte, dass mir ein paar Menschen begegnet sind, ein paar Dinge passiert, die mich heute sagen lassen: Ich fühle mich nicht mehr als Love Alien!

Aber ich habe nicht vergessen, wie beschissen das ist, Abend für Abend allein ins Bett zu gehen, über Jahre, immer mit demselben Gedanken: Wie lange noch… für immer?

Wir sollten das ernstnehmen. Vor allem die Menschen sollten wir ernstnehmen.

LOVE ALIEN im Fernsehen: übermorgen, Freitag, 10. Juni, 21 Uhr => ARD-Alpha