Autor: Wolfram

Unter Beobachtung: Filmt ein Filmemacher einen Filmemacher beim Filmemachen

Kaum zwei Wochen in Taipei, schon hab ich ersten Besuch: Vom österreichischen Dokumentarfilmer Marko Doringer in Begleitung seines Wiener Tonmannes Andreas.

Was machen die zwei hier?

Marko hatte großen Erfolg mit seinem autobiographischen Dokumentarfilm „Mein halbes Leben“, den ich nur empfehlen kann. Darauf folgte sein zweiter Film „Nägel mit Köpfen“, und als drittes folgte dann ein Burnout. Folgerichtig beschäftigt sich Marko in seinem nächsten großen Filmprojekt mit Arbeit: Was machen wir für unsere Brötchen, und was macht das mit uns. Anderthalb Jahre lang begleitet er vier Filmemacher, die sich durchs Arbeitsleben kämpfen.

Wie es aussieht, bin ich wohl einer davon. (Angeblich der einzige übrigens, der sich Zeit fürs Frühstücken nimmt, aber vielleicht sollte ich das noch gar nicht verraten.)

Dreimal hat Marko mich schon in Leipzig besucht und über meine Ansichten zum Arbeiten ausgequetscht. Und jetzt eben Taipei, wo mich zwar nicht die Arbeit, sonder zunächst mal das Herz hingeführt hat, wo ich aber alles andere vorhabe, als auf der faulen Haut zu liegen: kaum etwas ist inspirierender als neue Bilder, Töne, Gerüche, Geschmäcker und eine ganze bunte, laute, neue Welt, 9.000 Kilometer weit vom alten Alltag entfernt…

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Aufnahme vom Regen

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Foto vom Fotografieren des Sashimischiffs

Begegnungen über Dachniveau oder: Die Haushaltshilfe meiner Vermieterin

Taipei. Zwei Fußgängerampeln und 60 Sekunden Fußgängergrünphase entfernt vom größten Park der Stadt. Flachbau mit sechs Etagen gleich nebenan vom Hundesalon und gegenüber eines buddhistischen Hinterhoftempels. Im siebten Stock wohnen wir. Moment, siebter Stock bei sechs Etagen? Richtig: Unsere Etage gibt es gar nicht, drin wohnen können wir trotzdem. Unsere Wohnung gehört einer alten Dame, die die sechste und damit offiziell oberste Etage des Hauses bewohnt. Wo übrigens auch der Aufzug endet, das Treppenhaus zum Glück nicht. Acht von zehn Häusern in Taipei sollen solche aufgestockten, inoffiziellen, womöglich gar illegalen Etagen haben, für die sich unten an der Haustür weder Klingelschild noch Briefkasten finden.

Manchmal treffe ich unsere Vermieterin. Meistens, wenn sie uns aufs Dach steigt, wo sie einen ausgewachsenen Gemüsegarten betreibt. Den begutachtet sie mehrmals täglich, aber die Arbeit dort macht dennoch jemand anders: ihre Haushälterin, eine junge Frau aus Indonesien, die auch bei ihrer Arbeitgeberin lebt und ihr Tag und Nacht zur Verfügung steht. Noch kenne ich nichtmal ihren Namen, aber sie lacht immer und spricht ein putziges Englisch, immerhin, Verständigung ist möglich, auch ohne Chinesisch. Sie macht sogar gelegentlich unseren Abwasch, was mir eigentlich nicht recht ist… „Much work“, antwortet sie, wenn ich sie frage, wie es ihr geht. Und bläst die Backen auf. Und lacht.

Junge Frauen aus Indonesien und ähnlich armen Inselstaaten in der Nähe Taiwans werden hier von denen, die es sich leisten können, gern für den Haushalt angestellt, oder für die Altenpflege. Meistens mies bezahlt, dafür manchmal auch mies behandelt. Man könnte wohl sagen, sie werden gehalten: So kann Sklavenarbeit aussehen.

Dass ich kein Chinesisch spreche, scheint sie zu beschäftigen. Wie ist dem blonden deutschen Kerl zu helfen? Sie klopft an meine Tür und reicht mir ein paar Kopien in die Bude: mit denen hätte sie auch angefangen zu lernen, vielleicht helfen sie mir ja. Chinesisch – Indonesisch. Ein Herz, die lachende Haushaltshilfe meiner Vermieterin.

Wo nichtmal Gelegenheit Diebe macht

Wer in Taipei etwas verliert, ist gut beraten, an den mutmaßlichen Ort des Verlustes zurückzukehren: Die Chancen, das Verlorengeglaubte dort wiederzufinden, stehen ausgesprochen gut. Selbst dann, wenn es sich um etwas von Wert handeln sollte. Es heißt, in Taiwan werde so gut wie nicht gestohlen. Wer kurz vor die Tür tritt, um dort eine zu rauchen, kann Handy oder Geldbörse getrost im Café liegenlassen.